Ehemaliges Verstärkeramt in Kochel am See vom Abbruch bedroht

Verstärkeramt in Kochel – durch Abbruch gefährdet (Leserbrief von Dr. Dieter Klein)

Bereits vor einem Jahr hat die Untere Denkmalschutzbehörde im Landratsamt Bad Tölz / Wolfratshausen  am 1. Oktober 2019 den Abriss des ehemaligen Verstärkeramtes in Kochel, Bahnhofstrasse 34 genehmigt – vor der Öffentlichkeit weitgehend verheimlicht, laut Bürgermeister Holz geschah das aus Rücksicht auf die 87jährige, letzte Bewohnerin des Gebäudes.
Erst eine Petition des Weilheimer Architekten Heiko Volkerts führte zur Aufdeckung der Abbruch-Absichten nach einem „beschleunigten Verfahren“ und endlich zu einer Unterschutzstellung: das „hervorragende Beispiel der Münchner Postbauschule“ wurde in die Denkmalliste aufgenommen, allerdings erst einen Monat, nachdem der Gemeinderat im Juli 2018 den neuen Bebauungsplan beschlossen hatte. Die begonnenen Planungen wurden weiter verfolgt, schließlich die „Belange des Denkmalschutzes in diesem Falle zurückgestellt“ und der Abriss genehmigt.

 „Der geplante Neubau soll der Daseinsvorsorge und dem Allgemeinwohl dienen“. Nach Meinung des Bürgermeisters versucht Architekt Folkerts das „für die Gemeinde so wichtige Vorhaben zu torpedieren, zumal das Landesamt für Denkmalpflege gegen den Bebauungsplan ohnehin nicht vorgehen will: laut Generalkonservator Pfeil muss man „auch einmal einen Verlust hinnehmen“ – eine bemerkenswerte Aussage.
Folkerts stellt in diesem Zusammenhang die Daseinsberechtigung des Landesamtes in Frage. Immerhin genießt die in den zwanziger Jahren begründete „Postbauschule“ einen hervorragenden Ruf. Für die großen Städte entwarfen die Architekten um Robert Vorhölzer Gebäude mit damals neuartigen Flachdächern. Für kleinere Städte und Dörfer griffen sie bewusst Elemente der lokalen bäuerlichen Architektur auf: große Mauerflächen, Satteldächer und relativ kleine Fenster mit Schlagläden, so auch in Kochel.

Über eine durchaus denkbare, kostensparende Umnutzung des stabilen Gebäudes haben sich die Stadtväter offenbar kaum Gedanken gemacht – aus welchen Gründen auch immer. Für einen fähigen Architekten dürfte die Planung für Unterbringung von 16 (nach andern Angaben 21) Wohnungen, von Vereinsräumen und einige Obdachlosenquartiere unter Erhalt des stabilen Altbaus bei einer Gesamtgrundstücksfläche von ca. 5000 Quadratmetern kein Problem sein; eventuell notwendige Zusatzbauten kämen auf alle Fälle billiger als Abbruch des Bestandes und kompletter Neubau. Für den Erhalt der „hochrangigen bayerischen Baukultur“ spricht neben dem Vorteil der Kostenersparnis auch die Begrenzung von Flächenfraß und die Vermeidung von Materialverschwendung. Im Zeitalter von Corona sollte sich jede Gemeinde zur Sparsamkeit verpflichtet fühlen, könnte ja sein, dass das Geld in Zukunft für wirklich notwendige Baumaßnahmen gebraucht wird.

Dr. Dieter Klein [Kunsthistoriker]

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