Salzburg-Mozarteum – Bizarre „Verbesserungen“ am Werk eines Münchner Architekten?

Im Salzburger Volksblatt vom 25. Juni 1914 war zu lesen, dass in Salzburg ein Bauwerk entstanden sei, „auf das nicht nur die Salzburger mit gutem Recht außerordentlich stolz sein dürfen, sondern dass das auch die Münchner angehe: …An diesem stolzen Bau, der eine meisterhafte Leistung der Architektur und der Innenausstattung darstellt, sind vorzüglich Münchner Künstler mit interessanten Beiträgen beteiligt ….sie alle haben von ihrem Besten gegeben und legen damit in unserer Nachbarstadt Salzburg ein ehrenvolles Zeugnis ab von dem Hochstand Münchener Kunst- und Münchener Kunstgewerbes“.


Die Gebäudegruppe des Salzburger Mozarteums wurde in der dortigen Schwarzstrasse Nr. 26-28 am Rande des Mirabellgartens von Richard Berndl (1875-1955), einem überregional tätigen Münchner Architekten von 1912-1914 unter Einbeziehung der bestehenden, älteren Villa Lasser von 1874, erbaut. Stilistisch kann Berndls Bau als heimattümliche Variante des Jugendstils mit barocken und klassizistischen Elementen beschrieben werden. Der Architekt gehörte zu den wichtigsten Vertretern dieser Stilrichtung, in Salzburg hat er in vergleichbarer Formensprache außerdem das Gebäude der Arbeiterunfallversicherung an der Auerspergstraße geschaffen. Seine Werke sind in München, Bad Gastein, aber auch in der heutigen Slowakei, in Tschechien und sogar in Sao Paulo zu finden.


„Von welchem Standpunkt man die imposante Gebäudegruppe des Mozarthauses auch betrachten mag, immer ergeben sich schöne klare Bilder, gute Überschneidungen, eine glückliche Gesamtwirkung im städtebaulichen Sinne“ so lautete 1915 eine zeitgenössische Beschreibung aus der Zeitschrift „Dekorative Kunst“. Aus politischen Gründen fand die für den 14. August 1914 geplante feierliche Eröffnung ohne “alles Gepräge“ statt (zwei Wochen vorher war in Sarajevo der österreichische Thronfolger ermordet worden). Der bisher weitgehend unverändert erhaltene Salzburger Gruppenbau gilt als eines der letzten Beispiele der Gesamtkunstwerk-Idee im Sinne des Historismus am Ende der Belle Epoque; er besteht aus dem Konzertsaal, dem originellen Verbindungsbau und der Musikschule, zusammen also ein Gesamtkunstwerk, dessen Erscheinungsbild durch die geplanten „Verbesserungen“ akut gefährdet ist.


Laut Kronenzeitung vom 26. September 2018 wurden die aktuellen Umbaupläne jedenfalls „unter maximaler Geheimhaltung geschmiedet“. Die Pressemitteilung der Stiftung Mozarteum vom 26. September 2018 weist auf „Einhaltung der vom Bundesdenkmalamt vorgegebenen Rahmenparameter“ hin und redet von einer „sensiblen Einfügung“ des geplanten Glasbaues in die „Integrität der historischen Bestandsgebäude, die das Denkmal ausmachen“.
Die Abbildungen des Projektes lassen Zweifel an dieser These aufkommen und jegliche Sensibilität seitens des Bauherrn und der Architekten vermissen. Dipl. Ing. Dr. Friedrich Idam von ICOMOS Austria rät in einem Schreiben vom 20.01.2020 von allen in dieser Form geplanten Umbauarbeiten dringend ab. Verwunderlich, wie nach über einem Jahrhundert des Lobes plötzlich Vieles bis dahin Hochgelobtes negativ bewertet werden darf: welche Gründe könnten wohl für einen ebenso dominanten wie phantasielosen Glas- und – Stahlkubus an Stelle eines gut proportionierten, zurückgenommenen Verbindungsbaues sprechen? Persönliche Beziehungen? Verständnislosigkeit? Gefälligkeitsgutachten?


Geplant werden die Umbauten vom Architekturbüro Maria Flöckner und Hermann Schnöll, die als Sieger aus einem internationalen Wettbewerb hervorgegangen sind. Sie wollen „mehr Raum für die Publikums-Foyers und einen barrierefreien Zugang“ schaffen. Die Salzburger Landeskonservatorin, Frau DI Eva Hody beurteilte 2017 und 2018 diese Planungen bemerkenswert positiv: „Zwischenbau und Arkadenbauwerk mit Pausenfoyer und originaler Möblierung aus der Bauzeit sind zwar Teil des Denkmals, jedoch ist ihre räumliche Funktion und architektonische Qualität im Kontext der beiden großen Baukörper gering, so dass diese untergeordneten Bauvolumen keine wesentlichen denkmalbegründende Eigenschaften haben…“. In einem anderen Schreiben 02.10.2017 bezeichnet sie das Pausenfoyer als „erneuert“, an eine Rekonstruktion nach Befunduntersuchung oder nach vorhandenen Fotos ist vermutlich kein Gedanke verschwendet worden. Hier von einer „unauthentischen Veränderung“ zu sprechen scheint doch sehr konstruiert und wenig überzeugend, auch wenn dieses Urteil aus der Feder einer Leiterin dieser Fachbehörde bzw. einer Landeskonservatorin stammt: eventueller Abbruch begründet u. a. auf der vergleichsweise geringen Größe von Bauteilen?
Mehr noch: „Der Neubau schafft in einer zeitgenössischen Formensprache die Vermittlung zwischen den beiden Gebäuden, die der Altbestand nicht geschafft hat“. Damit wurde ohne Not dieser historische Bauteil „zur Disposition gestellt“.


Für die Behauptung, dass man „von Anfang an mit der vorhandenen Zwischentraktlösung unzufrieden“ gewesen sei, fehlt allerdings jede Quellenangabe. Falls doch zu finden: wieso hatte dann über Jahrzehnte niemand auf eine Planverbesserung gedrängt? Wie erklärt sich das „Fachurteil“ seitens der Denkmalpflege: „Ein neues Verbindungsbauwerk zwischen den bestehenden Gebäuden kann aus Sicht der Denkmalpflege im Sinne des Weiterbauens (!) sowohl städtebaulich als auch für das Erscheinungsbild des Mozarteums einen zeitgemäßen Akzent setzen“. Dergleichen Formulierungen waren seit den sechziger Jahren eigentlich schon etwas aus der Mode gekommen.


Hat also ein überregional anerkannter Architekt vor 100 Jahren „Pfusch“ geliefert, den besonders fähige Architekten nach 100 Jahren endlich korrigieren dürfen? „Die vorhandenen Torbogenelemente und der Zwischentrakt entsprechen in ihrer architektonischen Aussage in keiner Weise der Qualität der anderen Gebäudeteile.“ (Gutachten Frau Dr. Greger-Amanshauser).
Zu einer positiven Bewertung von Berndls Planung war 1982 hingegen ein Gutachten der Sachverständigenkommission für die Altstadterhaltung gekommen. Dort heißt es: „in künstlerisch vollendeter Weise durch eine Zweiteilung des Baues“ sei eine solche Vermittlung sehr wohl geschaffen. Dieses Gutachten wurde damals auch von der Stiftung Mozarteum ohne Einwand zur Kenntnis genommen.


Das Mozarteum ist dreifach geschützt: durch Denkmalschutz allgemein, durch den Altstadtschutz und den Welterbeschutz. Ein derart schwerwiegender Eingriff in historische Bausubstanz ist eigentlich durch die Denkmalschutzgesetze verboten. Oder sollte sich der damalige Vizepräsident des Bundesdenkmalamtes Bacher mit seinem Bescheid vom 24. September 1993 etwa getäuscht haben, wenn er auf öffentliches Interesse am Erhalt der künstlerischen Ausstattung auch der Foyers (!) ausdrücklich hinweist? Dass einem Verbindungsbau nicht die gleiche Bedeutung zukommt wie den beiden Hauptbauten darf nicht heißen, dass er bedenkenlos geopfert werden darf, vielleicht nur um als Denkmalpfleger „modern“ erscheinen zu wollen? Ein von der schon genannten Salzburger Kunst- und Architekturhistorikerin Dr. Greger-Amanshauser im Auftrag der Mozarteum-Gesellschaft erstelltes Gutachten spricht den vom Abbruch bedrohten Torbogenelementen und dem Zwischentrakt „in ihrer architektonischen Aussage“ im Vergleich zu den anderen Gebäudeteilen jegliche Qualität ab und plädiert für einen „zeigemäßen Akzent“.


Irrten also die Fachleute seit über einem Jahrhundert mit ihrem Lob? Warum wurde die Beseitigung von angeblichem „Pfusch“ nicht schon längst gefordert, wie konnten diese Mängel erst nach 107 Jahren jemandem auffallen? Und jetzt, endlich, eine begrüßenswerte Lösung durch fähigere Architekten? Ist eine „optische Verklammerung“ durch Vorziehung des Glaskastens vor die historische Baulinie wirklich vorteilhaft? Bisher galt „der Einblick von der Straße durch die Loggien des großen Hofes gegen die Bastei (des Mirabellgartens, mit einem Brunnen) von besonderem Reiz“. Natürlich nur wenn dort keine Abfallcontainer und Gerümpel abgestellt werden dürfen. Der Innenhof sei eng und dunkel? Kein Hindernis für ein geplantes, hauptsächlich abends genutztes Foyer, aber auch das keine glaubhafte Begründung für den geplanten Abbruch des Verbindungstraktes.


Sicherheitshalber folgt noch eine weitere Diffamierung: der bestehende Pausenraum sei ja ursprünglich als Depot geplant gewesen. Für einige Vorentwürfe könnte das zutreffen, nicht aber für den ausgeführten Bau. Ähnlich äußerte sich auch ein anderes Mitglied der Jury, Dr. Erich Marx: auch er bezeichnete den Mitteltrakt als „historischen Depottrakt“. Die Fotos aus der Bauzeit scheint er wohl nicht zu kennen. Aber wie wäre diese elegante, künstlerische Ausstattung zu erklären, zu der es Abbildungen aus der Bauzeit gibt. Ein „Depot“ mit Deckengemälde, Stuck und einer Terrasse zum Mirabellgarten? Wäre schon sehr nobel.


Bemerkenswert die Beurteilung des geplanten Glaskubus durch die Denkmalpflegerin Frau DI Hody: „Das Siegerprojekt überzeugt mit einem Konzept, das den Raum zwischen den Bestandsgebäuden für Licht und Durchblick öffnet …. Eine vermeintlich einfache Architektur, die sich als komplex und gut durchdacht erweist“. Beim Zwischentrakt handle es sich zwar um Teile eines Denkmals, aber von der Qualität und vom Volumen her sei es irgendwie doch kein Denkmal: „Wir brechen nichts ab, wir verändern es nur“ (DI Eva Hody, zitiert in der Kronenzeitung vom 27. September 2018). Die Beseitigung der „Torbogenelemente“ und des bestehenden Pausenraumes muss sie wohl übersehen haben.
Das neue Pausenfoyer wäre zwar ebenerdig situiert, aber mit einer unangenehm wirkenden Raumhöhe, jedenfalls kein Raum zum Wohlfühlen und in tristen Grautönen gehalten, wie sie von zeitgenössischen Architekten derzeit bevorzugt werden. In seiner Gesamtheit würde es eher an einen Industriebau erinnern.


Der Hof mit seiner von Palladio inspirierten Arkadenarchitektur könnte im Erdgeschoß mühelos für ein zusätzliches, barrierefrei zugängliches Foyer erschlossen, kostengünstig mit einer Glaskonstruktion überwölbt und damit zu einem durchaus repräsentativen, zusätzlichen Pausenraum gestaltet werden, all das ohne Zerstörung der historischen Bausubstanz und ohne Störung des harmonischen Gesamtbildes der Baugruppe durch eine ebenso dominierende wie langweilige „gläserne Mitte“. Die Konzertbesucher könnten auch in einem dezenten, im Hofbereich neu zu planenden Pausenraum „den notwendigen Platz finden, um das Erlebte in angenehmer Atmosphäre zu reflektieren“ (Architektenlyrik aus der Pressemitteilung der Stiftung Mozarteum vom 26.September 2018).


Zwingend notwendig wäre die Zerstörung des historischen Verbindungsbaus und des alten Pausenfoyers jedenfalls nicht. Wie wäre es mit einer Befragung der Salzburger Bevölkerung, ob das Arkadenbauwerk und der Pausenraum wirklich zur Disposition gestellt werden dürfen?
Fähige Architekten (für die ich die Sieger des Wettbewerbes sogar halte) schaffen das auch unter Erhalt des jetzigen Foyers, vor allem mit wesentlich geringeren Baukosten als die veranschlagten 5-10 Millionen Euro. Aber: „Salzburg ist anders und Manche können sich alles richten. Die geplante moderne Verschandelung ist ein neuer Anschlag auf Salzburgs Weltkulturerbe“, dieser „…Fall hat alle Zutaten für eine klassische Posse.“ (Kronenzeitung, vom 26. September 2018).
Dr. Dieter Klein
Wien / München
(ehemals Lehrbeauftragter am Kunsthistorischen
Institut der Universität Salzburg bei Prof. Fuhrmann)

close
Abonniere unseren Newsletter und schließe dich anderen Abonnenten an.

Schreibe einen Kommentar